Haus Wimsbach

 

Wie funktioniert ein Haus? Vier Aussenmauern, ein Dach drauf, fertig. Kennen wir alle von unseren früheren Lego-Baukästen. Wie funktioniert Architektur? Zu den bekannten Parametern wie Funktion und Konstruktion gesellt sich zumeist ein formal spektakuläres Äußeres. Dieses Haus hier wartet damit nicht auf. Geradezu schüchtern und zurückhaltend steht es da und möchte eigentlich nur „funktionieren“. Was es für seine Bewohner auch in hohen Maße tut. Doch da ist mehr. Denn das Faszinierende an der Gestaltungskunst ist der Umstand dass man oftmals auch zwischen den Zeilen lesen – und schauen – muss. Betrachten wir uns daher die Fassade. Ein schlichtes Satteldach-Haus mit (vergleichsweise) ungewöhnlich großen und vor allem tiefer gesetzten Fenstern. Warum? Weil die Bauherrin und Architektin in Personalunion, Ausblick nicht nur für sich selbst wünschte, sondern auch für ihren an den Rollstuhl gebundenen Vater. Wir wissen. Wer sitzt hat einen anderen Blickhorizont, als jene die stehen. Und genau deshalb sieht die Fassade so aus, wie sie sich darstellt. Die Form wurde unmittelbar aus der Funktion geboren. Gleiches gilt auch für den ungewöhnlich langen Dachüberstand, unter dem sich die Terrasse findet, die sich derart als verlängerter, zum Haus unmittelbar dazu gehörender Wohnraum im Freien zeigt. Architektin  Christa Stürzlinger vom Studio CS: „Für mich und meine Familie ist das Haus ein Rückzugsgebiet, ein Ruhepol gegenüber dem urbanen Umfeld, in welchen ich die überwiegende Zeit lebe und arbeite.” Dementsprechend „ruht” das kleine Holzhaus auch in sich selbst und überträgt dieses Gefühl auf die Bewohner, wenn sie es an rund zwei Wochenenden pro Monat besuchen. Auch im Inneren regiert Reduktion pur. Das Erdgeschoß ist barrierefrei ausgelegt und besteht aus rollstuhltauglich gestalteten Bad, Schlafzimmer und Wohnraum, während der Schlafbereich für Bauherrin und Kinder sich als erhöht angelegte „Schlafkoje” zeigt. Beheizt wird das 43 Quadratmeter kleine Haus im oberösterreichischen Bad Wimsbach mit einem einzigen Holzofen, die gute Speicherfähigkeit der Holzwände sorgt für angenehme Wärme und darüber hinaus für gutes Raumklima. So erfüllt das Haus optimal alle  notwendigen Ansprüche der Bewohner mit geringstmöglichen Aufwand. Mehr muss es auch nicht. Aber das ist eigentlich eh ziemlich viel.

Text: Carlos Oberlechner für 100 österreichische Häuser, Juni 2016

Werner-SchlöglWerner Schrödl, 2016 für 100 österreichische Häuser

 

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